| Seien es der Ausstieg aus der Atomkraft oder die Massnahmen während der Coronapandemie: Alles soll mit Augenmass beschlossen und durchgesetzt werden. Wer das Augenmass hat, macht angemessene Politik, so die Behauptung, die Helmut Schmidt, Angela Merkel und Robert Habeck überraschend als Verbündete im Geiste erscheinen lässt. Christian Metz geht der Praxis und Ästhetik des Augenmasses in einer luziden Genealogie nach. Statt der Sprachformeln der politischen Extremen, die sonst im Fokus der Forschung stehen, rückt er die Rhetorik der Mässigung und Ausgewogenheit in den Mittelpunkt. Auch sie birgt ihr eigene Gefahren, denn wer die Entscheidung mit Augenmass in den Blick bekommt, erkennt, warum man mancher politischen Massnahme zustimmt, obwohl sie noch so vage, zukunftsoffen oder abwegig erscheinen mag. Das Augenmass schafft Vertrauen, nicht immer zu Recht. |